Religiöses Brauchtum Ilverich
Geschrieben von Ludwig Petry
Sakrale Kunst sowie Kunstwerke mit religiösem Bezug gibt es wegen des Fehlens einer Kirche bzw. einer Kapelle in Ilverich nicht. Das Glöckchen auf der Alten Schule ertönte in Notfällen (z.B. bei Hochwasser), rief die auf dem Felde tätigen Menschen zum Mittagstisch und begleitete den Leichenwagen zum Lanker Friedhof.
Spuren der Sepulkralkultur mit Bezügen zu Ilverich gibt es in Folge der Begräbnisse in Lank auch nur dort. Zu nennen wäre als Beispiel der unter Denkmalschutz stehende Grabstein der Familie Porth vom Münkshof bzw. Hof Ridders-Wolf in Ilverich.
Auf dem Dorfplatz steht ein Kriegerdenkmal zum Gedenken an die Toten der beiden Weltkriege mit der Aufschrift: „Den Helden 1914-1918. 1939-1945". Auf dem Sockel des Obeliks aus schwarzem Granit mit dem Eisernen Kreuz und mit Lorbeer aus Eichenlaub sind die Namen und Daten der sieben im Ersten Weltkrieg Gefallenen in goldener Schrift eingraviert. Der 17 Toten und Vermissten des Zweiten Weltkriegs wird auf einer Tafel vor dem Obelisken gedacht.
Dorflehrer Anton Wippermann hatte 1922 die Aufstellung eines Kriegerdenkmals beantragt. Dieses stand zunächst auf dem Grundstück des Münkshofes (heute Ridders-Wolf) und wurde später von der Stadt Meerbusch auf den "Dorfplatz" neben der Schule versetzt (s.Lit., Heimatkreis Lank e.V., S. 298).
Das Stadtarchiv Meerbusch hat im Rahmen der Ausstellung im Jahr 2014 in der Teloy-Mühle zur Erinnerung an den Ersten Weltkrieg Auszüge aus der Schulchronik zur Kriegsbegeisterung zu Kriegsbeginn und zur Kriegsnot im Verlauf des Krieges gezeigt sowie Totenzettel zu den Gefallenen aus allen Meerbuscher Ortsteilen und auch zu denen aus Ilverich. Auf ihnen sind dokumentiert die Berufsbezeichnung (z.B. "Ackerergehilfe"), der Familienstand, der Dienstgrad (z.B. "Musketier" oder "Sanitäter"), die Regimentszugehörigkeit (z.B. "Infanterie-Regiment 158") und der Ort, an dem der Soldat gefallen ist (z.B. "Wadowice (Galizien).
Zum früheren Brauchtum gehörten Kirchliche Erntedankfeiern, wobei Prozessionen mit Erntegaben durch Feld und Flur zur Kirche abgehalten wurden.
Zur Zeit des Nationalsozialismus erhielt das Erntedankfest pseudoreligiöse Züge und wurde ideologisch instrumentalisiert zu einem „Standesfest des Bauernvolkes", bei dem „Führer, Volk und Vaterland" Dank abgestattet wurde. Das Foto zeigt den geschmückten Wagen eines Ilvericher Hofbesitzers vor der alten Schule in den 30er Jahren. Heute können die Ilvericher Bürger ein kirchliches Erntedankfest in beiden Lanker Gemeinden feiern, wobei Kinder bei Bauern Feldfrüchte und Obst sammeln, Altar und Gabentisch reich geschmückt sind und auch auf die Situation in der Dritten Welt aufmerksam gemacht wird.
Bis heute gehalten hat sich das um den St. Martin rankende Brauchtum, insbesondere der jährlich stattfindende Martinszug, für den sich das Dorf festlich schmückt. Die lokale Presse (s. Foto) berichtet regelmäßig darüber. Vorbereitet und organisiert wird der auch für Kinder aus den Nachbargemeinden attraktive Zug vom Martinskomitee in Kooperation mit dem Bürgerverein Ilverich e.V. Wie in allen anderen Stadtteilen von Meerbusch wird auch in Ilverich Anfang November das Martinsfest in Form eines musikalisch begleiteten Umzugs durch den Ort gefeiert. Die zahlreichen Lampions machen den Martinstag zu einem Fest der Lichtsymbolik im ansonsten oft grauen November. Der Zug geht vom Dorfplatz aus und führt wieder zu ihm zurück. Vorher sind dort die schönsten Laternen von dem Festkomitee ausgezeichnet worden. Dem Zug voran reitet der Hl. Martin als römischer Ritter in einem roten Mantel. Hinter dem Dorfplatz wird das Martinsfeuer entzündet, vor dem dann am Ende des Umzugs die bekannte Szene "St. Martin teilt seinen Mantel für einen frierenden Bettler" gespielt wird. Nach der zentralen Feier ziehen die Kinder mit ihren Laternen einzeln oder in kleinen Gruppen von Haus zu Haus, singen Martinslieder und werden mit Obst, Gebäck oder Schokolade beschenkt.
Im Rheinland kommt St. Martin in unterschiedlicher Form, mal als Soldat, mal als Bischof ( RP vom 10.11.18 ). Die Martinsumzüge in den einzelnen Stadtteilen von Meerbusch begleitet er in de Regel als reitender Soldat. Am 25.10.18 wird die Tradition St. Martin zwischen Rhein, Maas und Eifelvorland offiziell als immaterielles Kulturerbe des Landes NRW anerkannt (die erste Stufe zum UNESCO-Weltkulturerbe) (WZ 25.10.2018).
Das Ilvericher Martinskomitee hat sich zu diesem Anlaß im Jahr 2018 etwas besonderes einfallen lassen: Damit wieder mehr Menschen beim traditionellen Martinszug mitsingen, hat es ein Liederbuch mit "Martinsklassikern" zusammengestellt (RP vom 29.10.18).
Auch in "Corona-Zeiten" wurde die Tradition der Umzüge fortgesetzt - allerdings mit Auflagen. 2022 titelte die Rheinische Post entspannt und wie erleichtert für alle Ortsteile von Meerbusch: "Brauchtumsfest ohne Corona-Auflagen " (RP 26.10.22) und gab einen Überblck über alle Veranstaltungen. In Ilverich gehörten nach dem Umzug die "Mantelteilung" und die "Tütenausgabe" am Dorfplatz an der Alten Schule wie immer wieder dazu.
Der Martinstag hat auf dem Lande noch heute eine besondere Bedeutung für den Jahresablauf. Es wird nach der Ernte und vor dem Winter nicht nur gefeiert (Martinsgans), sondern es werden auch heute noch vereinzelt zu "Martini" Pachtverträge für Ländereien abgeschlossen. Die Martingsgans erinnert an die Legende, nach der St. Martin sich in einem Gänsestall versteckte, um nicht Bischof von Tours werden zu müssen. Die Gänse verrieten durch lautes Geschnatter sein Versteck. So wurde St. Martin entdeckt und schließlich doch zum Bischof geweiht.
Früher leitete man mit dem Martinstag und dem Gansessen die 40tägige vorweihnachtliche Fastenzeit ein oder entließ die nur saisonal beschäftigten Mägde und Knechte mit einer Gans in die Winterzeit.
Link: zur Homepage der Ev. Gemeinde Lank
Link: zur Homepage der Kath. Pfarrei Hildegundis von Meer
Literatur:
Heimatkreis Lank e.V. (Hrsg.), Meerbusch-Lank im Ersten Weltkrieg. Briefe und Zeitzeugnisse von Front und Heimat. Meerbusch 2014
Regenbrecht, Michael (hrsg. im Auftrag des Heimatkreises Lank e.V.), 1100 Jahre Langst-Kierst und Ilverich, 904 - 2004, Meerbusch 2004
Künstlerinnen und Künstler
Im Gemälde "Kirchen in Meerbusch" der Künstlerin Ilse Petry-Ambrosius suchen wir auf Ilverichem Gebiet vergeblich eine Kirche oder Kapelle - zurecht, denn von der für 904 belegten linksrheinischen "cellula" des rechtsrheinischen Suitberrtus-Klosters in Kaiserswerth sind heute keine Reste mehr enthalten. Die Diskussion in der Heimatforschung über den Standort ist noch zu keinem gesichertern Ergebnis gekommen.