Autobahnkapelle Geismühle

Geschrieben von Ludwig Petry am .


Ökumenische Autobahnkapelle Geismühle (Stand 01.12.2017)


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Autobahnschild und Kapelleneingang:  Autobahnkapelle Geismühle A 57

 

Autobahnkirchen und  Autobahnkapellen = „Rastplätze für die Seele“

- allgemein und bundesweit - 


Die älteste Autobahnkirche in Deutschland stammt aus dem Jahre 1958 und steht an der A 8, Ausfahrt Adelsried, wird von dem Augsburger Dominikanerkonvent betreut und ist der Maria geweiht: „Maria, Schutz der Reisenden“. Inzwischen gibt es entlang der deutschen Autobahnen über 40 Autobahnkirchen bzw. Autobahnkapellen. Zu den jüngeren Autobahnkapellen  zählt die 1981 eingeweihte ökumenische Autobahnkapelle Geismühle an der A 57 neben der gleichnamigen Gaststätte und benachbarten Mühle zwischen der Abfahrt Krefeld-Oppum und dem Autobahnkreuz Meerbusch.

Nicht alle Autobahnkirchen oder -kapellen sind von der Autobahn aus sichtbar, aber gut ausgeschildert und leicht erreichbar. Für viele sind sie eine Alternative zu einem der üblichen Autobahnrastplätze. Sie verstehen sich als „Rastplätze für die Seele“, für viele auch als „Dankstellen“. Ganz allgemein sind es Kirchen für unterwegs, oft mit reichhaltigem Kulturgut oder in ansprechender moderner Architektur. Träger dieser in der Regel „ökumenisch“ ausgerichteten Kirchen und Kapellen sind die örtlichen evangelischen oder katholischen Kirchengemeinden. Selten werden in ihnen Gottesdienste abgehalten. Auch gibt es in der Regel keine Ansprechpartner vor Ort. In der Mehrzahl sind es kirchliche Räume für individuelle Andachten, für Meditationen, für Gebete oder ganz einfach „zum Innehalten und Verweilen“.

In ihnen liegen Bibeln, Gesang- und Gebetbücher, Gebetskerzen,  Anliegenbücher und Informationsmaterial aus. Gebete, Segenswünsche und Lieder werden oft in mehreren Sprachen ausgelegt. Die Freizeit- und Tourismusseelsorge beider Kirchen erreicht somit auch ausländische Autofahrer. Im Umfeld findet man oft auch Picknicktische und Kinderspielplätze. (hier fehlt noch eine Aussage zu der Frage: Kirche unterwegs? Neues Selbstverständnis der beiden großen Religionen nach dem zweiten Weltkrieg?)


Als Beispiel für eine historische und unter Denkmalschutz stehende Kirche sei die Evangelische Autobahn- und Gemeindekirche Exter an der A2 km 306 (Ausfahrt Exter) genannt. Besonders erwähnenswert sind der barocke Taufengel im Innern der Kirche und das "armenische Kreuz" auf dem Kirchhof, links vom Eingang zur Kirche. Der barocke Taufengel hält eine Taufschale in der Hand und wird zur Taufe in den Kirchenraum herabgelassen. Diese Sonderform des Taufbeckens gibt es nur in evangelischen Kirchen. 

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Postkarte mit barockem Taufengel                           Armenisches Kreuz


Ein  Beispiel für eine auch kunstgeschichtlich bedeutsame Autobahnkirche ist die Kirche von Gelmeroda an der A 4, Ausfahrt Weimar, in der sich „ Kunst und Kirche auf einzigartige Weise begegnen“. Sie gehörte zu den Hauptmotiven des Malers Lyonel Feininger und  wird deshalb auch die "Feininger-Kirche" genannt.

 

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Abends wird sie von außen in Anlehnung an die Malweise von Feininger  mit Hilfe einer  Lichtkomposition  angestrahlt . Wer will, kann sich auf folgendem Link eine ausführliche Fotogalerie zur „Feininger-Kirche“ ansehen. 

 

Autobahnkapelle Geismühle A 57


Zu den jüngeren Autobahnkapellen  zählt die 1981 eingeweihte ökumenische Autobahnkapelle Geismühle an der A 57 neben der gleichnamigen Gaststätte und benachbarten Mühle zwischen der Abfahrt Krefeld-Oppum und dem Autobahnkreuz Meerbusch. Das Gelände, auf dem die Kapelle und das Denkmal Geismühle stehen, gehörte bis 1929 zu Ossum-Bösinghoven, heute ein  Stadtteil von Meerbusch. Im Zusammenhang mit der ersten großen kommunalen Neugliederung trat die Gemeinde das Gebiet rund um die Geismühle per Vertrag an die Stadt Krefeld ab. Es blieb allerdings bis heute  „gefühlter Besitz“ der Ossumer und Bösinghovener Dorfbewohner der Stadt Meerbusch.  Seit 2008 steht die Kapelle unter Denkmalschutz  und wird kirchlich betreut von der evangelischen und der katholischen Kirche. Ansprechpartner ist der Evangelische Gemeindeverband Krefeld.
Gefährdet der Ausbau der Raststätte die Autobahnkapelle? Diese Frage wird ab 2011 unter Fachleuten und in der Öffentlichkeit intensiv diskutiert.  Die Stadt Krefeld und der Evangelische Gemeindeverband Krefeld fordern eine neue Planung.
Die Kapelle ist in der Architektur und Ausstattung Ausdruck für die Verbundenheit mit der Natur und der Schöpfung. Sie lädt ein zur medidativen Einkehr und zum Stillehalten. Man hätte über dem Eingang auch schreiben können "pax intrantibus" (Friede den Eintretenden), wie es früher oft über Eingängen z.B. zu Klöstern oder auch Privathäusern zu lesen war. Geplant wurde die Kapelle von Professor  Hein Stappmann und nach dessen Tod fertiggestellt von seinem Partner und einstigen Schüler Ludwig Thorissen.  Als Baumaterialien wurden verwandt Feldbrandsteine, Holzschindeln und Glas, durch das von außen Licht in den Raum flutet und von innen der Blick in die Natur und auf ein kleines Gewässer freigegeben wird. Das schafft eine meditative Stimmung.

                 

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Eingang zur Kapelle                                        Bronzescheibe von Prof. Akkermann

 

Zentrales Kunstwerk ist eine große Bronzescheibe des Krefelder Bildhauers Professor Theodor Akkermann, von dem auch der Türgriff, die Inschrift und das Kreuz über der Glastür stammen. Die Bronzescheibe liest sich wie ein Bildprogramm der Genesis und  wird von Friedrich Lohmann, zitiert nach Peter Dohms (S. 148)), wie folgt beschrieben:
„Es zeigt rechts oben den Schöpfer mit ausgebreiteten Armen  die Urfluten bändigend, das Taubensymbol als Friedenszeichen daneben. Im unteren Viertel sind Hinweise auf das Paradiesgeschehen um Adam und Eva zu erkennen, Erinnerungen an den Sündenfall. Der Griff nach dem Verbotenen zeigt dem Menschen die Welt, die Leid und Schmerzen kennt. In die linke Hälfte weist Gottes Arm auf Alpha und Omega, auf Anfang und Ende allen Seins, darunter eine Sintflutszene mit Blitzen und Wasserströmen, weiter unten wieder eine Taube und weitere Vogelarten, die offenbar nach der Sintflut an Noah erinnern und Hoffnung für die Menschen verdeutlichen.“
(Anm.: Ob das Taubensymbol als Friedenszeichen oder als Zeichen für den Heiligen Geist zu verstehen ist, wäre noch zu klären)
Auf dem Türgriff ist der „Fisch“ zu sehen, das Symbol und Erkennungszeichen  der frühen Christen (noch vor dem Kreuz). „Fisch“ (griechisch ICHTHYS )steht für "Jesus Christus Gottes Sohn Erlöser".Türgriff mit Fisch

 

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Wie in vielen anderen Autobahnkapellen liegt auch in der Autobahnkapelle Geismühle ein  „Anliegenbuch“ aus (s. dazu in der Lit. „Lieber Gott, schenke Gladbach drei Punkte“ von Peter Dohms). Solche Anliegenbücher sind Quellen für die Alltagsgeschichte unserer Zeit und ihrer heterogenen und mobilen Gesellschaft. Wenn man von den Missbräuchen einmal absieht, die wohl nicht zu vermeiden sind, zeigen solche Anliegenbücher in „kirchlich geschützten“ Räumen entlang des Stroms der Verkehrshektik ganz offensichtlich ein Bedürfnis fürs Anhalten, für Besinnung, für „Stoßgebete“, für Dank und für Wünsche – und seien sie manchmal auch noch so trivial. 

 

Blick-in-die-NaturRömerbrief

 

 

Bevor der Besucher die Kapelle betritt, wird er durch ein Zitat aus dem Brief des Apostels Paulus an die Römer (11.36)angeregt. Im Innern trifft er auf eine Atmosphäre der kontemplativen Naturverbundenheit.                          

 

 

 Die Autobahnkapelle ist tagsüber geöffnet. Zusammen mit der benachbarten Geismühle sind beide Denkmäler auch Ziele von Besuchern am jährlichen „Tag der Autobahnkirchen“ (Anm.: Ob es dafür einen festen Tag gibt, ist noch zu ermitteln), am „Mühlentag“ (jeweils Pfingstmontag)und am „Tag des offenen Denkmals“ (jeweils am zweiten Sonntag im September).

 

Die Autobahnkapelle steht übrigens an einer Stelle mit einer - wenn auch kurzen - Tradition für "religiöse Einkehr unterwegs". 

s-w-Foto-von-Theo-Haefs-we  An der benachbarten Geismühle, die dem Rastplatz und auch der Kapelle den Namen gab, fanden in den 20er und 30er Jahren des vorigen Jahrhunderts bis in die Nazizeit hinein (bis 1935 oder 1939?) Wallfahrtsandachten unter freiem Himmel statt. Den folgenden  Hinweis sowie das historische s/w-Foto verdanken wir Theo Haefs vom Lanker Heimatkreis: "Die jährliche Lanker Kevelaer Wallfahrt machte Rast an der Geismühle mit einer kleinen Andacht, dann ging es weiter zum Krefeld-Oppumer Bahnhof, von dort weiter mit dem Zug nach Kevelaer. Am späten Nachmittag warteten die Kinder aus Bösinghoven schon am Mühlberg, denn die Mütter oder Tanten brachten Honigkuchen von ihrer Reise mit."

 


Literatur:


Peter Dohms, Die ökumenische Autobahnkapelle an der Geismühle, in: Menschen. Leben. Geschichte. 250 Jahre St. Pankratius Schützenbruderschaft, hrsg. im Auftrag des Heimatkreises Lank e.V. von Peter Dohms,  Meerbusch 2007, S. 146 – 150


Ders. , „Lieber Fußballgott, schenke Gladbach drei Punkte“. Ein Anliegenbuch des Jahres 2012 aus der Autobahnkapelle an der Geismühle in Krefeld, in: Dä Bott. Lanker Heimatblätter, Jg. 40/2013, S. 30 – 35


Friedrich Lohmann, Am Weg….die Autobahnkapelle an der Geismühle, Gemeindebrief der Ev. Kirchengemeinde Lank, Juni – August 2004, S. 10 f.

 

Weitere Webseiten:

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